Vollendete Ökumene in der Musik

Vollendete Ökumene in der Musik

Steven Heelein gelingt mit seiner kühnen Konzertidee der musikalische Brückenschlag zwischen den Konfessionen
Von Andreas Meixner (Mittelbayerische Zeitung Regensburg /22.01.2018)

Fast schien es, als wollte sich der sonst so selbstbewusste Steven Heelein für seine Musik diesmal besonders verstanden wissen. Jedenfalls warb er im Programmheft mit einer überaus persönlichen, fast intimen Erklärung zu seinen vier Betrachtungsstücken „Ad te Domine“ um die Gunst des Publikums. „Die Zuhörer müssen sich hineinbegeben in meine Musik, müssen sich ihrerseits konzentrieren, um mich zu finden. Alles andere wäre ziellos.“ Dass sich Heelein darum keine  Sorgen hätte machen müssen, zeigte der Verlauf des ökumenischen Gemeinschaftskonzerts im Lappersdorfer Aurelium, wo sich  der Konzertchor der Hochschule für Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg, der Kammerchor der Hochschule für evangelische Kirchenmusik Bayreuth, der Raselius-Chor der Regensburger Kantorei und das Philharmonische Orchester Regensburg unter der Leitung von Roman Emilius und Steven Heelein zusammenfanden, um mit der Missa Solennis von Franz Liszt ein mächtiges Stück katholische Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts mit Luthers vier reformatorischen Grundsätzen in der Tonalität des 21. Jahrhunderts zu verbinden. Mit gut 200 bestens agierenden Instrumentalisten und Choristen, sowie zwei hervorragend disponierten Solistenquartetten sprengte die Aufführung jeden üblichen Rahmen. Der ökumenische Leitgedanke hätte unter der Last von spätromantischer, katholischer Üppigkeit und hochkomplexer Deutung protestantischer Eckpfeiler auch untergehen können. Dass dies nicht passierte, war dem Umstand zu verdanken, dass die expressive Musik Heeleins sich mit Respekt, aber ohne Scheu der symphonischen Kraft von Liszt annäherte und behutsam kontrastierte, auf der gleichen Besetzungsebene von großem Orchester, Chor und Solisten. „Sola scriptura“ eröffnete vor dem Kyrie die Aufführung mit dem klagenden „Herr, wohin sollten wir gehen?“ des Chores. Das Kyrie wirkt in den ersten Momenten dann ebenso zerrissen, das Erbarmen wird flehentlich erbeten, bis sich erst spät die reinen, romantischen Klangwelten öffnen. Liszts typischer Personalstil mit einer vielschichtigen, oft verworrenen Themenbehandlung und martialischen Effekten durch Blechbläser-Fanfaren zeugen durch alle Teile des Messordinariums von seinem Ideal, „Theater und Kirche in gewaltigen Ausmaßen zu vereinigen“. Das ist freilich Katholizismus in Vollfettstufe, aber auch ein zutiefst überzeugtes, ehrliches Bekenntnis seiner Zeit. Da wirkten Luthers Gedanken in Heeleins Klangwelt inwendiger und zurückhaltender, wenn nach dem Gloria sich „Sola fide“, nach dem Credo „Sola gratia“ und nach dem Agnus Dei das „Solus Christus“ erhebt. Heelein setzt aber mit einem mächtigen „Amen“ einen gewichtigen Schlussstein unter eine atemberaubende, hochkonzentrierte Darbietung aller Beteiligten, in der beide Werke sich auf Augenhöhe begegneten, musikalisch und inhaltlich wider Erwarten zu einem Ganzen verschmolzen. Der ökumenische Brückenschlag hätte nicht besser gelingen können. > MZ

Fotos: Peter Pavlas

Veröffentlicht am 23.01.18